Gesundheitskolumne: Kleine Zugänge, große Wirkung - meine Arbeit als Angiologe

28. September 2026

Die Angiologie ist ein Fachgebiet der Inneren Medizin, das sich mit Arterien, Venen und Lymphgefäßen beschäftigt. Am AGAPLESION BETHESDA KRANKENHAUS WUPPERTAL gibt es dafür eine eigene Klinik. Das ist in Deutschland eine echte Seltenheit. Oft ist die Angiologie an die Kardiologie angegliedert oder mit der Gefäßchirurgie kombiniert. Die Eigenständigkeit bedeutet, dass wir uns ganz auf eine Patientengruppe konzentrieren können: Menschen mit Gefäßerkrankungen, die oft zusätzlich an Diabetes oder seit vielen Jahren an Bluthochdruck leiden.

Ein Herzstück unserer Arbeit ist der Hybrid-OP, technisch ausgestattet auf Top-Niveau. Im vergangenen Jahr haben wir mehr als 600 Eingriffe durchgeführt. Diese hohe Fallzahl ermöglicht es uns, moderne Verfahren routiniert anzuwenden: medikamentenbeschichtete Ballons, ein Ultraschallballon, genannt „Shockwave“, der Kalkablagerungen mit Schallwellen aufbricht, oder Artherektomie-Systeme, die Verkalkungen mit hoher Umdrehungszahl in kleinste Partikel zerkleinern.

Trotz all dieses Hightechs bleibt die Grundlage unserer Diagnostik der Ultraschall. Schon im Studium hat mich die Sonografie fasziniert. Sie war für mich der Einstieg in die Welt der Gefäße. Halsschlagadern, Beinschlagadern und Armgefäße lassen sich hervorragend per Ultraschall beurteilen. Genau diese unmittelbare Sichtbarkeit von Veränderungen macht bis heute einen großen Reiz des Faches für mich aus. Im Alltag begegnen mir sehr unterschiedliche Patientinnen und Patienten: der 38-Jährige mit Typ-1-Diabetes, der viel zu früh Gefäßprobleme entwickelt hat, ebenso wie die 91-Jährige, deren Wunde am Unterschenkel einfach nicht heilen will. Wenn Risikofaktoren wie Rauchen und Diabetes zusammentreffen, sehen wir mit 40 Befunde, die früher eher bei 80-Jährigen typisch waren. Gleichzeitig gibt es ältere, sehr rüstige Menschen, bei denen die Gefäße „nur“ altersbedingt verschlissen sind. Auch ihnen können wir oft noch spürbar helfen.

Eine der häufigsten Erkrankungen ist die periphere arterielle Verschlusskrankheit, kurz pAVK, vielen bekannt als „Schaufensterkrankheit“. Die Betroffenen schaffen oft keine 200 Meter mehr, ohne vor Schmerzen in den Waden stehen bleiben zu müssen. Das bedeutet für sie eine enorme Einschränkung im Alltag. Die medizinischen Leitlinien betonen zurecht, dass Gehtraining, die richtige Medikation und vor allem Rauchstopp die Basis sind. Doch wenn Schmerzen bereits im Ruhezustand auftreten oder Wunden nicht heilen, kommen interventionelle Möglichkeiten ins Spiel. Was mich immer wieder beeindruckt, ist die Diskrepanz zwischen Eingriff und Wirkung. Eine typische Engstelle in der Oberschenkelarterie lässt sich über einen kleinen Zugang behandeln. Der Eingriff dauert etwa eine Stunde, danach liegt der Patient sechs Stunden im Bett und darf dann wieder aufstehen. Am nächsten Tag kommt er zu Fuß in unsere Ambulanz und sagt: „Ich kann es nicht glauben, die Schmerzen sind weg!“ In diesen Momenten spürt man sehr unmittelbar, warum man diesen Beruf gewählt hat.

Trotz aller Erfolge: Wir heilen Gefäßerkrankungen nicht. Wir verbessern das Stadium, idealerweise so, dass die Patienten wieder schmerzfrei ihren Alltag bestreiten können. Deshalb gehören für mich zur fachlichen Verantwortung immer auch Gespräche über Risikofaktoren und Prävention, vor allem über das Rauchen, das nicht nur die Lunge, sondern auch Herz, Halsschlagadern und Beinarterien schädigt. Ein weiterer Aspekt, den ich an meiner Arbeit schätze, ist das ständige Lernen. Technik und Studienlage entwickeln sich rasant weiter und gleichzeitig lerne ich täglich von meinem Team. Zu wissen, dass man noch lange nicht „fertig“ ist, empfinde ich als Ansporn. Am Ende ist Angiologie für mich eine Mischung aus Präzisionshandwerk, Hightech-Medizin und persönlicher Patientenbetreuung. Gefäßerkrankungen entwickeln sich leise. Umso wichtiger ist es, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Dass ich das in einer eigenständigen, hochspezialisierten Klinik wie der unseren tun darf, mit einem Team, das denselben Fokus teilt, empfinde ich als großes berufliches Privileg.

 

Oberarzt Lukas Gördes, Angiologe in der Klinik für Angiologie udn Gefäßmedizin

Lukas Gördes, Angiologe